Hasskommentare vs. konstruktive Diskussionen – Wie kommentieren die Leser der LVZ?

Auf den Facebookseiten einiger Online-Magazine kommt es trotz des im Juni 2017 beschlossenen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes, das besagt, dass soziale Netzwerkbetreiber rechtswidrige Inhalte binnen 24 Stunden löschen sollen, vermehrt zu immer dreisteren, aber auch inhaltsloseren Diskussionen.

Eine kleine Ansammlung von Kommentaren, die wir auf dem Facebook-Auftritt der regional bekanntesten Zeitung, der Leipziger Volkszeitung (LVZ), finden konnten, soll uns einen Einblick in das abstruse Verhalten einiger Kommentatoren verschaffen. Die LVZ existiert seit bereits mehr als 120 Jahren und hat sich auch überregional zu einem einflussreichen Tagesblatt entwickelt. Die verkaufte Auflage beträgt rund 174.000 Exemplare. Dies lässt auf eine breite Masse an Lesern schließen.

Im Vergleich zum allgemein positiven Image der Zeitung sind zumindest die User, welche regelmäßig unter den Online-Beiträgen kommentieren, der Meinung, dass die LVZ sich zu sehr in das linkspolitische Milieu drücken lässt.

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Auf Rechtschreibfehler wird auch ständig sowie unsachlich von der bunten Mischung aus fake- und realen Accounts hingewiesen.

Ein Blick auf die Kommentierweise unter den aktuellen Beiträgen der LVZ zeigt, dass besonders gern politische Artikel kommentiert und geteilt werden. Unter diesen werden innerhalb weniger Minuten mehr Interaktionen erreicht als bei Beiträgen, die rein faktuell informativer sind und man dementsprechend vermuten mag, dass diese auch mehr diskutiert werden (sollten). Ein Beispiel dazu zeigen vergleichenderweise die folgenden Screenshots:

Außerdem fällt auf, dass unter jedem der politischen Artikel die gleichen Accounts kommentieren. Diese kennen sich anscheinend bereits und freuen sich immer wieder auf neue Diskussionen zum gleichen Thema. Wenn ein regelmäßiger Kommentator mal nicht in das Geschehen eingreift, wird er von seinen Mitstreitern sogar „vermisst“. (Gleiche Accounts wurden mit derselben Farbe markiert.)

Inhaltlich beschränken sich die Konversationen über die Zeit sogar auf beleidigende Verallgemeinerungen und persönliche Angriffe, aber natürlich erst, nachdem unter jedem Artikel die (sich ebenfalls ständig wiederholende, doch leicht umformulierte) Meinung kundgetan wurde.

Zudem ist so gut wie unter jedem Beitrag über Straftaten ein Kommentar vorhanden, welcher den möglichen Migrationshintergrund der Person aus dem Beitrag ergründen will, auch, wenn keiner vorhanden ist.

 

Die Kommentatoren berufen sich dabei meist auf zwielichtige und unseriöse Alternativquellen, was den Eindruck erweckt, dass es wiederum nur um provokante Statements und den „Spaß“ am kommentieren oder streiten geht und nicht darum, ein Thema sachlich und zielführend zu diskutieren.

 

Anscheinend geht es den Kommentatoren unter politischen Artikeln mittlerweile fast nur noch darum, zu provozieren. Die Möglichkeit, nie endende Fake-Accounts zu erstellen, bietet den meisten Involvierten eine Plattform zum pöbeln – natürlich alles „anonym“. Dies kann nicht nur dem Gegenüber schmerzen, sondern auch ein negatives Image auf eine Zeitung werfen. Neben all der Kritik darf man nicht vergessen, dass es ebenso Menschen gibt, die probieren, diese Streitgespräche zu besänftigen und tatsächlich eine bereichernde Diskussion führen wollten. Wer sich davon angesprochen fühlt: macht weiter so!

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Zusammen gegen den Hass

Kommentarspalten lesen, sich über Meinungen, Trolle und Hass ärgern, sich aber gleichzeitig hilflos fühlen gegenüber so viel Negativem in der Online-Welt. Was jeder, der sich online bewegt, schon in der ein oder anderen Form erlebt hat, hat auch Alex Urban einige Zeit begleitet. Bis er dann im Januar 2017 auf #ichbinhier gestoßen ist. Er wird Mitglied und kurze Zeit später auch engagierter Moderator für das Netzwerk, das mittlerweile über 35.000 Mitglieder auf Facebook zählt. Im Interview erzählt Alex uns über seine Arbeit als Moderator bei #ichbinhier:

Hi Alex, schön dass wir heute miteinander sprechen können. Du bist quasi der Background zu einer ziemlich großen Facebookgruppe, die sicherlich einiges an Arbeit mit sich bringt. Kannst du uns als erstes etwas über euer Team erzählen? Wie organisiert ihr so eine große Gruppe?

Hi, ja ich freu mich. Also ja, organisatorisch sind wir über ein kleines Kommunikationstool connected. Das fängt morgens an, dass wir uns begrüßen und dann geht das eigentlich den ganzen Tag. Zum eigentlichen Team, wie wir so verfahren: Für die Aktionen (a.d.R.: täglich werden mehrere Links geteilt, unter denen die Mitglieder kommentieren können) an sich gibt es die Watchdogs, das machen ein paar im Hintergrund, unter anderem ich. Das dazu übergeordnete Team ist das Chronik-Team, das auch mit den Aktionen in der Timeline erscheint, das sind zehn bis zwölf Leute, die sich allein darum kümmern, also nur die Aktionen und das Scannen. Dann gibt es das Team Gruppenmoderation, das Fragen beantwortet, die aufkommen. Eigentlich sollen Mitglieder das (a.d.R.: Fragen in der Gruppe) ja nicht, aber wenn es passiert, dann wird das moderiert. Mitgliederanfragen ist das Team, das sich um die „Tür“ kümmert. Dann die Guidelines, die alle unsere Dokumente erstellen. Dann gibt es das Team PR. Zwischen allen Teams gibt es natürlich Überschneidungen, also das sind nicht alles andere Leute, sondern manche sind in mehreren Teams. Das sind eigentlich die wichtigsten Teams. Und dann halt Hannes, der in allen Teams drin ist.

Team Hannes, quasi als Superforce. Der Hamburger Hannes Ley hat die Gruppe #ichbinhier im Dezember 2016 nach dem schwedischen Vorbild #jagärhär, das inzwischen über 70.000 Mitglieder hat, gegründet. Neben seinem Job als Strategieberater arbeitet er, laut einem FAZ-Interview, bis zu sechs Stunden täglich für die Counterspeech-Initiative – und das ehrenamtlich, wie alle Moderatoren und Helfer bei #ichbinhier.

Das klingt echt nach ziemlich viel Aufwand. Würdest du die Mission und Ziele von #ichbinhier für uns beschreiben?

Es geht natürlich vorrangig darum, gegen Hasskommentare anzugehen und sich zu wehren, aber so als große Mission kann man auch sagen, dass wir ein bisschen helfen wollen, die Demokratie zu schützen. Klingt jetzt sehr hochtrabend, aber irgendwie ist es ja auch so. Außerdem geht es zum Beispiel auch darum, Minderheiten zu schützen. Es geht darum, diese Fake-News-Sachen nicht einfach unkommentiert zu lassen. Das ist genauso eine Gefahr. Auch Rechtsstaatlichkeit, ich meine klar, einige Sachen kann man nicht nachvollziehen, aber im Prinzip sind wir ja schon ein Rechtsstaat, der funktioniert und das sollte man auch verteidigen.

Als Ziel würde ich sagen, diejenigen aktivieren, die nur denken: “das ist Scheiße, was hier steht, aber ich trau mich nicht, was zu schreiben.” Wenn die sehen, dass da Leute sind, die sich wehren, kann man die auch aktivieren mitzuschreiben und dagegen anzukämpfen. Das ist für mich das Hauptziel. Messbares Ziel wäre natürlich so etwas wie ‚Der Anteil der Hasskommentare geht zurück’, aber sowas ist schwer nachzuweisen. Da braucht man schon größere Unterstützung. Bei uns ist das eher gefühlsmäßig. Es soll mehr sachliche Auseinandersetzungen geben.

Das sind wirklich viele wichtige Aspekte. Zurück zu eurer täglichen Arbeit also, du hast eben das Team „Tür“ erwähnt, was hat es damit auf sich?

Also wir nennen das nur unter uns so. Wir prüfen alle Profile von Leuten, die Mitglieder werden wollen. Wichtig ist da eigentlich erstmal nur, dass das Profil so offen ist, dass man ein paar Sachen sieht. Es geht darum, dass man nicht Dinge liked, die rechts-, links- oder in einer anderen Form extremistisch sind. Auch Reichsbürger als Beispiel würden durch so ein Raster fallen. Fakeprofile werden nicht reingelassen. Das sind eigentlich die Hauptkriterien. Eigentlich kann jeder rein, der offen ist und keine Extremansichten zeigt.

Verständlich. Wenn man es dann schafft, Teil der Gruppe zu werden, was erwartet einen dann? Habt ihr eine Art Ablauf?

Also wir haben ja unsere Aktionen, aber regelmäßig sind vor allem das Lagerfeuer – da machen sich alle immer ein bisschen lustig über den Namen, aber wir hätten es auch Marktplatz nennen können. Im Prinzip ist es ein Platz, an dem man zusammenkommt. Dort kann man Posts teilen, bei denen kommentiert werden soll, oder wenn man konkret irgendwo Hilfe braucht. Dann gibt es jeden Tag noch einen Absackerpost, so zur Zusammenfassung. Da wird aber auch immer noch etwas themenspezifisches angesprochen. Zum Beispiel hatten wir gestern „Ehe für alle“ als Thema. Das kann aber jeder (a.d.R.: Moderator) selbst entscheiden, welches Thema er da wählt. Am Ende des Tages gibt es noch einen Post von Hannes, wo er nochmal beschreibt, was so passiert ist und Input gibt. Das ist nicht täglich, aber regelmäßig. Das sind so die drei Sachen, die regelmäßig passieren. Wir hatten jetzt aber auch schon ein oder sogar zwei Live-Videos auf der Seite.

Danke für die Zusammenfassung. Zu dir, wie geht es dir mit deiner Rolle als Moderator bei #ichbinhier? Bekommst du es da öfter mal mit so etwas wie ‚Shitstorms’ zu tun, weil du für die Gruppe auftrittst?

Nein, eigentlich genauso viel wie die anderen Mitglieder auch. Viele, die die Gruppe nicht kennen, wissen ja auch gar nicht, dass man Moderator ist.

Nimmst du selbst noch an euren Kommentieraufrufen teil?

Ja doch, auf jeden Fall. Wir können ja nicht einfach sagen, hier ist die Aktion, viel Spaß damit. Wir müssen schon auch zeigen, dass wir da mitmachen. Es ist wichtig, dass die Mitglieder sehen, die schicken uns nicht nur einfach blind los, sondern die haben da auch Bock drauf und machen da auch mit. Das machen auch alle der Moderatoren noch aktiv, denn da kommt es ja auch ursprünglich her. Wir haben uns alle zusammengefunden, weil wir irgendwann keinen Bock mehr hatten auf dieses ‘allein auf weiter Flur stehen’, sondern zusammen was erreichen wollen.

Alex erzählt, dass besonders Medien wie Fokus und N24 immer wieder das Ziel von #ichbinhier-Aktionen werden, weil dort völlig auf die Moderation der Kommentarspalte verzichtet werde. Die Gruppe sei sogar schon in Kontakt mit der Social-Media-Abteilung dieser Medien gewesen, aber bis jetzt bewege sich dort wenig. Problematisch sei dabei, dass #ichbinhier-Aufrufe noch mehr Klicks auf Artikel bringen, die sowieso schon polarisieren. Hasskommentare und Counterspeech haben also auch eine wirtschaftliche Bedeutung, von der durchaus profitiert werden kann.

Auch wenn das #ichbinhier-Hashtag in manchen Kommentarspalten sehr prominent ist, steht ihr ja auch für andere Arten gegen Hatespeech aufzutreten. Was funktioniert da am besten – kommentieren, liken oder melden von Kommentaren?

Also Melden würden wir nicht so reinnehmen. Wir sehen das nicht als Werkzeug an, obwohl uns das ständig auf Brot geschmiert wird, dass wir das machen würden. Wir empfehlen das bei Beleidigungen, Bedrohungen oder offensichtlicher Hassrede. Jedes Mitglied der Gruppe hält es da anders und handhabt das aus seiner Sichtweise. Ich zum Beispiel melde sehr selten. Generell ist das Melden für uns kein Werkzeug, um Counterspeech zu betreiben. Wir sind keine Melde-Gruppe. Unter den anderen ist das Machtvollere wahrscheinlich das Liken, weil schöne Kommentare so nach oben rutschen. Das Kommentieren, wenn es gut gemacht ist, ist aber natürlich auch sehr machtvoll. Das muss aber jeder für sich entscheiden. Wenn sich jemand nicht dem ganzen Scheiß aussetzen will, dann liked er halt nur. Das ist jedem selbst überlassen.

Wer sich für das Kommentieren entscheidet, der findet auf der #ichbinhier-Seite viele Tipps zum Agieren in Kommentarspalten. Wer erstellt eure Dokumente dazu und wie werden diese gegengeprüft?

Also wir haben im Moderatorenteam auch Juristen, die haben zum Beispiel das Dokument über Meinungsfreiheit und Volksverhetzung verfasst. Wir haben auch einige Spezialisten, die sich so um statistische Sachen kümmern, die sowas auch gut werten können. Zum Prüfen nutzen wir ein Mehr-Augen-Prinzip. Es wird rumgeschickt, Verbesserungsvorschläge werden gemacht, es wird abgenickt und dann veröffentlicht. Da sind aber nicht nur hochwissenschaftliche Dokumente dabei, teilweise sind das auch Menschen wie du und ich, die das auf ihrer Wissensbasis schreiben. Es soll auch nur eine Hilfe sein für Leute die kommentieren.

Ok, für Außen seid ihr also gewappnet. Wie sieht es im Inneren der Gruppe aus, habt ihr Probleme mit Leuten, die sich nicht an die Netiquette halten?

Ja, das passiert schon. Wir haben den Anspruch, dass das, was draußen eingehalten wird, auch innerhalb der Gruppe eingehalten wird. Es passiert, aber nicht so häufig, dass jemand gegen die Regeln verstößt. Falls es doch mal passiert, wird derjenige angeschrieben und fliegt dann aber auch irgendwann raus. Das ist aber relativ selten.

Die Frage, ob es eigentlich effektiver sei, wenn staatliche Initiativen sich gegen Hatespeech einsetzen oder die Menschen sich dafür selbst organisieren, findet Alex schwierig einzuschätzen.  Beim Staat komme das Thema Zensur schnell mal auf. Auch Entwicklungen wie das Facebookgesetz sieht er eher skeptisch. Wenn die Menschen sich für Meinungsfreiheit und Demokratie einsetzen würden, dann sei es aber schon effektiver, wenn es von den Menschen selbst kommt, darum heiße es ja Demokratie.

Ihr seid ja aus einer schwedischen Gruppe entstanden und auch nicht die einzige Initiative, die gegen Hatespeech kämpft. #wirdiskutierenhier ist eine weitere, schnell wachsende Seite auf Facebook, wie steht ihr solchen anderen Gruppen gegenüber?

#Wirdiskutierenhier ist aus #ichbinhier entstanden. Da haben sich Mitglieder gefunden, die die Diskutiererei, die echt zeitaufwändig ist, weil man sie immer moderieren muss und viel Input geben muss, übernommen haben. Dieser Aufwand konnte von #ichbinhier nicht mehr gestemmt werden und ist darum nach Außen verlagert worden. Jede Gruppe, die sich des Themas annimmt ist natürlich super, aber solche Diskussionsgruppen zu moderieren ist ein enormer Aufwand und weil wir das nicht mehr hinbekommen, sind wir froh, dass es sie gibt. Wir sind aber von denen unabhängig und die regeln das auch alles unter sich.  Wir sehen uns eben mehr als Aktions- denn als Diskussionsgruppe. Das Diskutieren nimmt eben viel Zeit und Energie in Anspruch, die man, unserer Ansicht nach, besser in Aktionen stecken könnte.

Das klingt insgesamt nach sehr viel Engagement überall.

Ja sehr. Aber natürlich nerven wir auch Leute. Wir merken, dass es immer wieder Leute gibt, die sich überrannt fühlen. Da gibt es dann Vorwürfe wie „schwarmartig“ und was auch immer. Mag teilweise stimmen, aber hässliche Sachen einfach stehen lassen ist eben auch kein Gegenargument.

Das stimmt natürlich. Zu meiner letzten Frage, die Gruppe gibt es jetzt ein gutes halbes Jahr, was habt ihr deiner Meinung nach erreicht in dieser Zeit?

Wir haben auf die Thematik aufmerksam gemacht. Wir haben einige aktiviert, zu schreiben und sich mit der Thematik auseinander zu setzen und da ist schon viel erreicht. Sich mit populistischen Ansätzen auseinander zu setzen. Ist das richtig, ist das falsch? Kann ja jeder für sich entscheiden, aber dass man sich damit auseinandersetzt und das Feld nicht einfach Leuten wie Trollen überlässt, die einfach nur Stunk machen, da haben wir was erreicht – auch wenn wir nerven.

Meinungsfreiheit in den Kommentaren? Das Experiment

Der Begriff der „Filterblase“ hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Nutzer nur noch mit Nachrichten versorgt werden, die ihren eigenen Präferenzen entsprechen. Verstärkt wird dieser Effekt durch Algorithmen, mit denen Suchmaschinen und Social Media Kanäle wie Facebook ihre Ergebnisse personalisieren.
In unserem heutigen Beitrag haben wir uns die Frage gestellt, ob auch die Kommentare von Beiträgen unterschiedlicher Zeitungen ihren politischen Richtlinien unterliegen und ob dies offensichtlich durch Dritte beeinflusst wird. Den Versuch, diese Frage zu beantworten, könnt ihr in unserem neuen Experiment nachverfolgen.

Im Zuge der Recherche für unseren Beitrag haben wir uns durch die verschiedenen Netiquetten unterschiedlicher Online-Plattformen geklickt. Unter dem Artikel „In eigener Sache – Netiquette“, in dem die LVZ am 10.März 2016 ihre Verhaltensregeln für ein respektvolles Diskussionsklima dargelegt hat, sind wir auf folgende Kommentare gestoßen.

Netiquette_LVZ DiskussionQuelle: https://www.facebook.com/notes/lvz-leipziger-volkszeitung/in-eigener-sache-netiquette/1142636155769517/

Die Netiquette der LVZ ähnelt in ihrem Aufbau und Inhalten vielen anderen Netiquetten diverser Online-Plattformen. So fordert sie, unter anderem, einen „freundlichen, fairen und sachlichen Umgangston“ und verweist darauf, dass „rassistische, beleidigende, gewaltverherrlichende und oder menschenverachtende Beiträge ohne weiteren Hinweis [von uns] entfernt werden.“
Die Veröffentlichung dieser Verhaltensregeln nahmen jedoch einige User zum Anlass, ihrem Ärger Luft zu machen. „Alles was gegen Links ist wird entfernt“, heißt es hier. Diese Anschuldigung hat uns aufhorchen lassen und gab uns den Impuls für ein neues Experiment.

Ausgangspunkt des Experiments war dementsprechend die Frage, wie sich die Kommentare und Diskussionen auf den Online-Plattformen politisch unterschiedlich ausgerichteter Zeitungen unterscheiden. Entspricht es tatsächlich der Realität, dass Kommentare, welche nicht der politischen Einordnung der Zeitung entsprechen, gelöscht werden? Löscht die LVZ also beispielsweise einen konservativen bis rechten Kommentar? Und wie verhält es sich eigentlich mit einem deutlich links ausgerichteten Kommentar auf der Online-Plattform eines Blattes wie der „Jungen Freiheit“?

Da die politische Einordnung einer Zeitung immer subjektiv und oft eine Momentaufnahme ist, haben wir uns als Anhaltspunkt dessen für die folgende Grafik entschieden.

parteien
Quelle: digitalpresent.tagesspiegel.de

An dieser Stelle sollte man hinzufügen, dass das vermehrte Twittern eines bestimmten Blattes noch lange kein Beleg für die entsprechende politische Ausrichtung ist. Jedoch liefert es einen Hinweis darüber, inwiefern Parteien sich mit den jeweiligen Zeitungen beschäftigen.
Infolgedessen haben wir sechs deutsche Medien ausgewählt, von denen zwei laut Recherche links-, zwei mittig- und zwei eher rechts ausgerichtet sind. Anschließend haben wir uns auf die Suche nach einer aktuellen Thematik begeben, mit der sich zum einen alle sechs Blätter beschäftigt haben und die zum anderen eine sowohl konservative als auch liberal-orientierte Meinung zulässt. Die Suche gestaltete sich als relativ einfach, denn die vergangene Woche dominierte ein Thema die Medien, welches ohnehin eine Diskussion zwischen den Konservativen und Liberalen wieder eröffnete und sich somit als prädestiniert für unser Experiment erwies.

Kurz zur Vorgeschichte: Nach jahrelangen Diskussionen stimmte der Bundestag am Freitag mit einer eindeutigen Mehrheit für die Ehe für alle. Zuvor war Bundeskanzlerin Angela Merkel vom klaren Nein der CDU abgerückt und hat den Fraktionszwang für die Abstimmung im Plenum aufgehoben. Die Entscheidung ermöglicht es homosexuellen Paaren von nun an gemeinsam Kinder adoptieren zu dürfen. Die Konservativen sind erzürnt, die Liberalen feiern ihren Triumph.

Zum Experiment: Unser Vorhaben bestand darin, die von uns ausgewählten Medien nach geeigneten Beiträgen zum Thema „Ehe für alle“ zu durchsuchen, um uns in der Kommentarspalte in die entsprechenden Diskussionen einzuklinken. Hierzu verfassten wir zwei Kommentare, die sich hinsichtlich ihrer politischen Neigung deutlich voneinander abgrenzen lassen:

  • „Und wieder ein guter Schritt in eine moderne, liberale Richtung. Jeder soll so leben dürfen, wie er will. Die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren muss endlich ein Ende haben! #eherfüralle“

  • „Homosexuelle besudeln den heiligen Bund der Ehe… Das wider das Gesetz und entspricht nicht dem Verständnis einer Ehe im ursprünglichen Sinn. So kann und wird sich der Fortbestand Deutschlands nicht sichern.“

Mit unseren zwei Fake Accounts veröffentlichten wir auf jeder der sechs Plattformen beide Kommentare unter Beiträgen zum entsprechenden Thema, um zu beobachten, wie sich die Diskussionen bei politisch unterschiedlich ausgerichteten Blättern entwickeln und ob tatsächlich einige Kommentare gelöscht werden.

Zu den Ergebnissen: So simpel unser Experiment in der Theorie klingt, desto schwieriger gestaltete es sich in der Praxis. Die Suche nach entsprechenden Beiträgen und die Platzierung der Kommentare verlief zunächst problemlos, die Ergebnisse ließen jedoch auf sich warten bis uns anschließend folgende Meldung erreichte.

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Quelle: facebook.com

Hierbei handelt es sich um eine Reaktion auf die Veröffentlichung des Kommentars Nr.2, welches sich in die konservative bis rechte Ecke verorten lässt. Daraufhin erstellten wir erneut ein Fake Profil, füllten es mit Leben, passten den Kommentar individuell auf den jeweiligen Beitrag an und führten das Experiment erneut durch. Kurze Zeit später erhielten wir erneut von Facebook die Nachricht, unser Profil zu bestätigen.
Anders verhielt es sich mit den Reaktionen auf den liberalen, weltoffenen Kommentar Nr.1. Obwohl wir hier den exakt gleichen Kommentar auf allen sechs Plattformen posteten und sich unser Fake Profil, außer natürlich im Namen, Geschlecht und der Ausbildung, nicht großartig von dem anderen Profil unterscheidet, erhielten wir keine Aufforderung unsere Identität zu bestätigen. Unser Profil wurde dementsprechend nicht in Frage gestellt und der Kommentar erntete außerdem einige Likes.

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Quelle: https://www.facebook.com/berlinerzeitung/photos/pb.137267732953826.-2207520000.1498999737./1992638150750099/?type=3&theater

Was bedeutet das für unsere Analyse?
Bezogen auf die politische Ausrichtung der Zeitungen und die entsprechende Entwicklung der Diskussionen rund um unsere Kommentare, hat unser Experiment zunächst einmal ernüchternde Ergebnisse erzielt. Dennoch lassen sich einige Erkenntnisse festhalten, die wir im Folgenden kurz zusammenfassen möchten.

  • Facebook erkennt Fake Accounts und reagiert.
    „Verdächtig“ sind hier vor allem Kommentare, die eine „rechte Neigung“ haben (Unabhängig davon, unter welchem Artikel sie wo gepostet werden.)
  • Dementsprechend ist ein „funktionierender“ Fake Account relativ arbeitsaufwendig und setzt ein bestimmtes Wissen voraus.
  • Profile, die sich mittels ihrer Kommentare als weltoffen und liberal präsentieren, werden nicht weiter untersucht.
  • Dass Zeitungen Kommentare löschen, die nicht ihrer politischen Orientierung entsprechen, konnte folgendermaßen nicht bestätigt werden

Erst prüfen, dann teilen – eine staatliche Initiative

Das Konzept der „sozialen Netzwerke“ hat das alltägliche Leben der Menschen verändert. Plötzlich ist man nicht nur laufend über aktuelle Neuigkeiten von Bekannten und Verwandten informiert, sondern kann auch miteinander Nachrichten teilen und seine persönliche Meinung zu Themen veröffentlichen. Plattformen wie Facebook haben den Leuten die Möglichkeit gegeben, wichtige Ereignisse oder Situationen mit anderen zu teilen.

Mit der Entstehung des Internets als Informationsquelle und der Zunahme des Sozialen Netzwerke-Konsums, sind neue Probleme entstanden. Die Häufigkeit der falschen Nachrichten, Sensationsmache und respektlosen Kommentare wird immer höher. In einer Zeit, wo so viele Informationen veröffentlicht und geteilt werden, ist es immer schwieriger, an vertrauenswürdige Quellen zu gelangen. An einem Ort wie dem Internet, wo Menschen keine reale Identität nachweisen müssen, ist es kompliziert, eine faire und respektvolle Diskussion zu führen.

Aus diesem Grund entstand, unter anderem, die Kampagne „Stoppt Hass-Propaganda! Erst prüfen, dann teilen“. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat sich mit der Thematik Hate Speech und Fake News auseinander gesetzt und dadurch eine Kampagne, die Toleranz fördert und Kompetenz stärkt, gegründet. Die Initiative versucht, die Nutzer der Social–Networks für die Gefahr von Hass-Propaganda zu sensibilisieren und gleichzeitig eine gute Diskussionskultur auf Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube zu schaffen.

‘‘Statt Verboten und Zensur – kompetenter Umgang mit manipulativen Inhalten in den Social Networks.’’

Der Verein „Neues Potsdamer Toleranzedikt“ ist auch für die Kampagne zuständig. Das Musikvideo von Clemens Maria Haas (Frontmann der Gruppe SanVentura) zum Lied „Die Erben der Rose“ ist ein wichtiger Teil der Kampagne. In dem Lied geht es um die Widerstandstands Gruppe der Geschwister Scholl, die im dritten Reich hingerichtet wurden. Dieses Lied und das Logo der Kampagne wurde (und wird immer noch) in den sozialen Netzwerken verbreitet, um Aufmerksamkeit für die Thematik zu erwecken.

logo

Auf der Website der Kampagne sind mehrere wichtige Information zu finden: Eine vollständige Erklärung des Begriffes „Hass-Propaganda“ und konkrete Beispiele dafür. Dies soll helfen, dass Nutzer von sozialen Netzwerken sich mit der Thematik befassen und sich dessen bewusst werden.

Die Kampagne kann man auf verschiedene Weise unterstützen: Das Video zu teilen ist natürlich das Einfachste. Man kann aber auch einen Aufruf unterzeichnen, wo man sich gegen die Verbreitung von totalitären und fundamentalistischen Ideologien aller Richtungen in den sozialen Netzwerken wendet. Bei der Online-Unterzeichnung kann man auch ein Statement hinzufügen und sogar eine Video-Botschaft schicken. Für die Unterstützung erhält man eine Urkunde.

Offizieles Lied der Kampagne – HIER!

Die Vertretung verschiedener Meinungen ist relevant, um eine stabile Demokratie zu erreichen. Als Medien-Nutzer dürfen wir nicht vergessen, dass jeder das Recht hat, seine Ideale offen zu äußern. Allerdings sollten wir auch nicht vergessen, dass wir uns immer an Fakten orientieren sollten. Kampagnen wie „Stoppt Hass Propaganda!“ hilft allen aktiven Mediennutzern dabei, sich besser informieren zu können, um ein besseres Diskussionsklima zu schaffen.

Offizieler Link der Kampagne:  www.stoppt-hasspropaganda.de

Neun Jahre Haft für eine Zigarette auf der Bordtoilette – gerechtfertigt oder nicht?

Mit dieser Frage haben wir uns in unserem ersten Selbstexperiment beschäftigt, indem wir Teil einer digitalen Diskussion wurden. Die Idee basiert auf einem Seminar der Universität Leipzig, in dem wir uns mit der aktuellen Diskussionskultur in sozialen Netzwerken auseinandersetzen. Ziel des Selbstexperiments ist es, Verhaltensweisen von Nutzern und Arten der Onlinedebatten zu ergründen, um letztlich eine Netiquette aufstellen zu können. Darin werden Empfehlungen für Handlungsweisen in Online-Portalen festgehalten, welche bezwecken sollen, dass der Meinungsaustausch auf Plattformen wie Facebook oder Twitter in einer angemessenen und achtenden Form erfolgt.

Zur Vorgeschichte: Am 26. Mai postet „DIE WELT“ auf ihrer Facebook Seite um 15:08 den Artikel „Zigarette auf der Bordtoilette – Mann muss neun Jahre in Haft“. Es geht um einen Briten, der sich im alkoholisierten Zustand und in einer Flughöhe von knapp elf Kilometern eine Zigarette auf der Bordtoilette anzündet. Als er diese fatalerweise im Mülleimer entsorgt, entsteht ein Feuer. Das Feuer kann gelöscht werden, der Brite wird trotz dessen zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.
Wenige Minuten nachdem der Artikel online ist, werden innerhalb der Kommentare zwei Meinungsgruppen ersichtlich. Für einen Großteil der User ist die Tat des Briten mit einem versuchten Mord gleichzusetzen. Hier steht die Gefährdung der Menschenleben im Vordergrund. Dahingehend sei eine derartig hohe Strafe gerechtfertigt.

Für die andere, kleinere Gruppe der User ist die Strafe für eine Zigarette auf der Bordtoilette viel zu hoch angesetzt. Der fehlende Vorsatz, Menschen absichtlich in Gefahr zu bringen, dominiert hier.
Genau hier setzen wir ein: Unser Fake-Account „Dominik“ positioniert sich deutlich auf die Seite derer, welche die Strafe für unverhältnismäßig hoch halten. Dominik Schneider, das ist ein verheirateter Mittfünfziger, der in Sachsen lebt. Mehr können die Mitkommentatoren dem Account nicht entnehmen.

In Dominiks Namen veröffentlichen wir um 15:11 folgenden Kommentar: „Trotz dass es natürlich eine grobe Missachtung der Regeln an Bord ist, fällt die Strafe ziemlich hart aus. 9 Jahre sind meiner Meinung nach zu viel für so ein Vergehen.“

Mit unserem Kommentar lösen wir eine Debatte, rund um die Frage, ob die Höhe der Strafe gerechtfertigt ist oder nicht, aus und landen so unter den Topkommentaren des Beitrags.
Der Kommentar erhält 21 Likes und ist Anstoß für eine hitzige Diskussion. Auffallend dabei ist, dass der Verfasser des Kommentares, sprich unser Fake-Account, zum Nebenakteur wird. Die Diskussion verselbstständigt sich soweit, dass die Kommentatoren in Interaktion treten und aufeinander Bezug nehmen.

Der zeitliche Ablauf der Diskussion, rund um unseren Kommentar, ist relativ kurz. Alle Antworten folgen binnen einer Stunde, sodass das Gefühl einer „realen“ Diskussionsrunde entsteht, in welcher das Gegenüber auf bestimmte Aussagen reagiert. Auffallend dabei ist, dass der einzige „unqualifizierte“ Kommentar weit hinter dieser Zeitspanne getätigt wird.

Der Ton innerhalb der Diskussion bleibt weiterhin sachlich und respektvoll. Beleidigungen finden nicht statt, obwohl die Meinungen innerhalb des Diskurses stark auseinandergehen.


Um eine gute Diskussion in sozialen Netzwerken zu führen, ist es somit notwendig, die folgenden sechs Gütekriterien einzuhalten: Rationalität, Bezugnahme, Respekt, Egalität, Konstruktivität und Gemeinwohl. Wer sich an die meisten dieser Verhaltensvorschläge hält, ist dazu fähig, eine Argumentation in eine nutzbringende Richtung zu lenken.