Projektende: Wie geht’s weiter gegen die Hassrede?

Das Projekt Netiquette 2.0 neigt sich dem Ende entgegen und damit auch unsere wöchentlichen Posts. In den letzten acht Wochen haben wir als Team viel über digitale Diskussionskultur sowohl in Kommentarspalten, als auch untereinander gelernt. Wir haben euch Lesern einige Initiativen vorgestellt und uns selbst in Experimente geworfen, um zu sehen, was eigentlich so passiert in der Welt von Hatern, solchen, die eigentlich nur ihre Meinung kund tun wollen und den diversen Netiquetten. Außerdem gab es zwei spannende lange Interviews mit Nhi Le und Alex Urban, die aus erster Hand über ihre Online Erfahrungen mit Hate- und Counterspeech berichtet haben. Da wir euch nun vorerst nicht weiter mit Inhalten versorgen, die Mission aber natürlich noch nicht annähernd abgeschlossen ist, soll dieser Post der Inspiration zum Weitermachen dienen. Hier also 10 Tipps und Anregungen für alle, die Lust haben, sich mehr mit dem Thema digitale Diskussionskultur auseinander und sich für einen besseren Umgang miteinander einsetzen möchten.

1. Werde Mitglied bei #ichbinhier oder #wirdiskutierenhier

Knapp drei Monate bin ich nun in beiden Gruppen und ja, beide wachsen nicht nur sehr schnell, da geht auch einiges ab. Tatsächlich wird man allein als Mitglied der Gruppe viel aufmerksamer für die vielen täglichen Brandherde in diversen Kommentarspalten. Während #ibh ­­– wie auch bereits von Alex im Interview erklärt, eher eine Aktionsgruppe ist, hat sich #wirsindhier den Diskussionen innerhalb der Gruppe verschrieben. Dort wird erörtert, wie man mit bestimmten Sachverhalten besser umgeht und bekommt Unterstützung wenn es bei einem Thema einmal an Argumentationsgrundlagen fehlt. Der Eintritt in beide Gruppe ist simpel und schnell gemacht. Empfehlenswert ist auch die gesonderte #ichbinhier Infoseite (auf der unser Interview übrigens auch zu finden ist, yeay!), die viel Input zum Thema gibt.

nichtegal

(c) creatorsofchange.com Website

2. #creatorsforchange, #nichtegal und andere Hashtags unterstützen 

Ohne Hashtag geht ja heute eigentlich gar keine eigene Kampagne mehr. Auch im Bereich Gegen-Hatespeech gibt es diverse Hashtags, die unterstützendswert sind. Natürlich sind auch die großen Player vertreten, wenn es um die Bekämpfung von feindseeligen Kommentaren geht. Youtube startete dazu die internationale Kampagne #creatorsforchange. Unter dem Motto ‚Nutze deine Stimme, um Veränderung zu bewirken’, setzen sich bekannte Youtuber für soziale Themen ein. Für Deutschland ist Nilam Farooq Botschafterin. Eigentlich als Lifestyle-Vloggerin gestartet, betreut sie mittlerweile auch den Kanal ellevant, der Menschen und Problemstellungen aus aller Welt vorstellt und erklärt. Youtube Deutschland arbeitete zusammen mit Bundefamilienministerium im vergangenen Jahr noch an einer weiteren Aktion. Mit #nichtegal setzten sich 22 bekannte Youtuber auf ihren Kanälen gegen Hassrede und Verhalten, das sie nicht tolerieren wollen, ein. Insgesamt konnten sie damit 10 Millionen vorrangig jungen Abonnenten erreichen. Auch wenn es sich hier quasi um „Hilfe-vor-Ort“ handelt, ist die Kampagne nicht ganz ohne faden Beigeschmack abgelaufen. Ob Youtuber, die selbst angeblich nur aufs Geld aus sind und auch schonmal in ihren eigenen Kommentarspalten gegen andere User ausrasten wirklich als Botschafter geeigent sind, wird dort gefragt.

3. Wissen ist Macht – Lektüre 

Wer nicht der Fan von großen Unternehmen wie Youtube ist, oder wer einfach lieber liest, dem sei eine virtuelle Reise nach Österreich zu empfehlen. Tatsächlich tut sich einiges zum Thema Hatespeech bei unseren Nachbarn. Ingrid Brodnig zum Beispiel wurde 2017 wurde sie von der Europäischen Kommission zum ‚Digital Champion‘ ernannt, nachdem sie ein Jahr früher das Buch ‚Hass im Netz’ veröffentlicht hat. Die Publizistin gibt darin praktische Anleitungen zum Umgang mit digitalen Phänomen wie Fake-News, Hatespeech und Shitstorms. Wem unsere Interviews gefallen haben, dem sei auch folgendes Interview der Zeit mit Frau Brodnig empfohlen, in dem es besonders um Betroffene von Hatespeech geht und wie man ihnen hilft. Nebenbei kommen auch die südlichen Nachbarn nicht ohne Hashtag aus: Mit #aufstehn setzen sich die Österreicher gegen Hatespeech im Netz ein.

aamadeu

(c) Website Amadeu-Antonio-Stiftung.de

4. Noch mehr Lesestoff

Wer sich mit Diskussionskultur beschäftigt, stößt recht schnell auf sie, die Amadeu-Antonio-Stiftung. Seit 2009 setzt sich die Stiftung gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus ein. Der Fokus liegt dabei besonders auf Projekten mit Kindern und Jugendlichen in  ganz Deutschland, um nachhaltig gegen die oben genannten Themen vorzugehen. Die NGO ist seit Oktober 2015 außerdem Teil der ‚Task Force gegen Hassinhalte im Internet’ des Bundesjustizministeriums. Hilfreich sind vor allem diverse offen zugängliche Publikationen auf der Website der Organisation. Die ganze Liste findet hier. Zum Einstieg ist besonders die Broschüre ‚Geh Sterben’ empfehlenswert, da hier eingangs noch einmal Begriffe rund um Hassrede und deren Auswirkungen geklärt werden. Weiterhin betreut die Stiftung die Website belltower, auf der ein Lexikon mit vielen aktuellen Inhalten zum Thema zu finden ist. Hier empfehlenswert: Die Einträge zu Counterspeech.

5. Hauptberuflich Anti-Hass Botschafter werden

Wer sämtliche Hashtags bereits kennt und sich schon durch alle Infoseiten und Broschüren gelesen hat, der kann seine Überzegung jetzt auch zum Beruf machen. Bis Ende August ist die Stelleanzeige der Amadeu-Antonio-Stiftung für einen Bildungsreferent/in für das Projekt „Digitalkompetenz stärken – Aktiv gegen Hass im Netz“ noch aktuell. Benötigt wird ein  Hochschulabschluss und Erfahrung im Umgang mit dem Thema.

6. Listen up! 

Gucken und Lesen hatten wir schon. Wer seine tägliche Dosis Informationen lieber im Auto, beim Abwasch oder vor dem Schlafen gehen empfängt, kann den De:hate-Podcast abonnieren. In der ersten Staffel des Podcasts geht es vor allem um Rechtsextremismus und rechte Ideologien. Dazu interviewen die Hosts Matthias Goedeking und Viola Schmidt interviewen Experten und kürzen Themen wie ‚die neuen Rechten’ auf 20-minütige Episoden herunter. Der Podcast ist ebenfalls ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung.

fetstival

(c) Facebook-Veranstaltung zum Aufstehen gegen Rassismus Festival

7. Abgehen zu Anti-Hate 

Schon zum zweiten Mal findet das Aufstehen gegen Rassismus Festival gegen Rassismus und Hetze in Uelzen statt. Am 25. August treten mehrere Musiker, unter anderem Rapperin Sookee, die sich in ihren Texten häufig sozialkritisch äußert, in der niedersächsischen Stadt auf. Besonders gegen die Alternative für Deutschland, die in Niedersachsens Kleinstädten leider einiges an Zuspruch findet, wird damit protestiert. Das Festival ist ein Teil der bundesweiten Initiative ‚Aufstehen gegen Hass’. Der Eintritt zum Festival ist kostenlos.

8. Wie weit ist zu weit – die juristische Seite 

Das Grimme Institut war erst vor kurzem Gespräch als es #ichbinhier den renommierten Grimme Online Award verlieh. Das Institut hat eine lange Geschichte und setzt sich seit den 60iger Jahren bereits für Bildung in der Medienkultur ein. Regelmäßig gibt es verschiedene Publikationen zu diesem Bereich heraus. Die vor kurzem erschienene Ausgabe der ‚digitale Gesellschaft NRW’ widmet sich allen Facetten von Hatespeech in verschiedenen Themenblöcken. Ein Bereich, den wir mit unserem Projekt nicht abgedeckt haben, wird hier setzt umfangreich bearbeitet: die juristische Seite. Ab Seite 35 finden sich Informationen zu rechtlichen Grundlagen und den Bezügen in Straf- und Zivilrecht dazu. Der Artikel ist wissenschaftlich aufgebaut, aber trotzdem sehr lesenswert und kurzweilig.

9. Lach doch mal

Auf eine ganz neue Art und Weis, nämlich mit Humor, begegnen Datteltäter, ein Youtube Kollektiv, dem Thema Hatespeech gegen den Islam.  Auch sie wurden beim letzten Grimme Online Award ausgezeichnet. Mit Videos wie ‚Wenn Google ein Imam wäre’ oder ‚6 Arten von muslimischen Frauen’ leisten sie nicht nur ihren Beitrag zum Abbau von Stereotypen und Missverständnissen, sondern sind dabei auch noch sehr unterhaltsam.

10. Diskussionskultur ist das halbe Leben – aber nicht das Ganze. 

Zu guter Letzt geht es noch einmal ganz an den Anfang zurück. Die vielen aktiven Mitglieder von #ichbinhier und #wirdisktierenhier verausgaben sich teilweise täglich beim Kommentieren und in Diskussionen. Um sich davon zu erholen, gibt es die Seite ‚Happy Place für ichbinhier’. Auch wenn es teilweise schon etwas kitschig wird, muntern die täglichen Fotos von Hunden, Katzen und allerhand anderer niedlicher Haustiere doch auf. Die Seite setzt ein weiteres wichtiges Zeichen für alle, die sich online engagieren möchten: Pausen müssen sein und Abschalten ist wichtig. Wer sich regelmäßig mit der überbordenden Negativität des Themas auseinandersetzt, muss sich trotzdem davon distanzieren können, um nicht selbst in einer Filterblase ‚des Schlechten’ zu enden.

Wir bedanken uns bei allen, die sich die Zeit genommen haben, unsere Artikel zu lesen. Es gibt noch viel zu tun, aber es bewegt sich bereits einiges!  

Werbeanzeigen

Der Kampf gegen Hatespeech in der Welt: Ein Vergleich zwischen zwei Nationale Kampagnen.

Im heutigen Beitrag geht es weiter mit den Initiativen. In zwei Artikeln wurde über staatlich unterstütze Kampagnen gesprochen – darüber, was ihre Ziele sind und wie Internet Nutzer zu Teilnehmern werden können. In diesem Beitrag wird über die genauen Handlungsmaßnahmen zweier Kampagnen gesprochen. Beide Kampagnen gehören zu der größten Bewegung gegen Hass im Netz, ‘No Hate Speech Movement’, die vom Europarat direkt unterstützt und verwaltet wird. Im vorletzten Beitrag ging es um genau diese Bewegung. Es wurde erklärt, dass sie verschiedenen nationalen Kampagnen weltweit zur Seite steht. Im Folgenden wird es einen Vergleich zwischen den Kampagnen in Mexiko und in Deutschland geben.

Screen Shot 2017-07-17 at 15.09.18

Die Mexikanische Kampagne ‘#SinTags’ (auf Deutsch #Ohnetags) kämpft ebenso gegen Hass, Propaganda und die Verbreitung von Fake News. Allerdings gibt es ein paar Punkte, die in den anderen Kampagnen nicht direkt erwähnt werden. In den Zielen sticht der Kampf gegen Klassenbewusstsein hervor. Dies zeigt, dass in der mexikanischen Gesellschaft auch andere Hate-Speech-Arten zu finden sind. Auf der Web Seite wird erklärt, dass Hasskommentare und pejorative Witze gegen Menschen aus unteren sozialen Schichten gemacht werden. Viele der Witze versuchen bestimmte Berufe runter zu machen und den Wert dieser Tätigkeiten geringzuschätzen. Die Kampagne lädt die Internet Nutzer ein, solche Inhalte nicht weiter zu verbreiten und stattdessen Berufe, der einer Putzhilfe oder eines Klempners in den Kommentaren der Pejorativen Inhalte zu loben. Dieses spezifische Ziel haben beispielsweise die deutschen Kampagnen nicht in ihren Zielen mit inbegriffen. Das liegt natürlich daran, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland nicht so stark sind.

Mexiko kämpft aber gleichzeitig auch gegen Rassismus und Xenophobie im Netz. Es ist aber interessant, wie dem Rassismus entgegengetreten wird. Innerhalb der Kampagne werden Leute eingeladen, ihre Herkunft zu akzeptieren. Hiermit werden die Netz Surfer daran erinnert, dass Mexiko ein ethnisch und kulturell vielfältiges Land ist und dass alle Menschen gleich viel wert sind.

Auf der mexikanische Web Seite wird regelmäßig über Veranstaltungen Informiert. Mehrmals im Monat finden Tagungen und kleine Demonstrationen statt, die sich der Bewusstmachung der Internetnutzer verschrieben haben.

Die Deutsche Kampagne, ‘No hate Speech’ (der Name wurde direkt von der Haupt-Bewegung übernommen), hat ähnliche Ziele wie die Mexikanische. Aber auch wenn die Vorsätze vergleichbar sind, sind Unterschiede zu erkennen.

 

Die Internetseite der Kampagne bietet einen sehr aktualisierten Kalender mit Informationen über Termine, die mit der Thematik verbunden sind. Besucher der Seite könne sich über Workshops und Kongresse informieren, die deutschlandweit stattfinden. Es ist zu erkennen, dass die mexikanische Plattform leider nicht so aktualisiert ist, aus diesem Grund wird viel weniger über ‘Meetings’ berichtet.

 

Screen Shot 2017-07-17 at 15.14.31

Einen weiteren Unterschied zwischen den Kampagnen ist die Relevanz der Unterstützer. Auf der deutschen Plattform wird über alle Unterstützer innerhalb Deutschlands und weltweit berichtet. In der Liste sind Bundestagsabgeordnete, Blogger und Influencer zu finden.

Das Nationale Kampagnen Komitee ist auch relevant für die Kampagne in Deutschland. Es handelt sich um ein Bündnis aus Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung, wo mehrere Organisationen und Stiftungen mitmachen. Die Deutsche Kampagne wird direkt von 32 Organisationen unterstützt, während das Mexikanische Arbeitsteam nur aus 10 Organisationen besteht.

Screen Shot 2017-07-17 at 15.19.24

 

Menschen, die sich gegen der Verbreitung von Hass im Netz auseinandersetzen, haben die gleichen Absichten, egal an welchem Ort in der Welt sie sich befinden. Diese Menschen sollten wissen, dass die Gesellschaften mit verschiedenen Problemen konfrontiert werden. Insofern können sich die Zwecke einer Kampagne gegen Hatespeech differerieren.

Offizielle Seite ‚Sin Tags‘: sintags.conapred.org.mx/

Offizielle Seite ‚No Hate Speech Deutschland‘: no-hate-speech.de/de/

Zusammen gegen den Hass

Kommentarspalten lesen, sich über Meinungen, Trolle und Hass ärgern, sich aber gleichzeitig hilflos fühlen gegenüber so viel Negativem in der Online-Welt. Was jeder, der sich online bewegt, schon in der ein oder anderen Form erlebt hat, hat auch Alex Urban einige Zeit begleitet. Bis er dann im Januar 2017 auf #ichbinhier gestoßen ist. Er wird Mitglied und kurze Zeit später auch engagierter Moderator für das Netzwerk, das mittlerweile über 35.000 Mitglieder auf Facebook zählt. Im Interview erzählt Alex uns über seine Arbeit als Moderator bei #ichbinhier:

Hi Alex, schön dass wir heute miteinander sprechen können. Du bist quasi der Background zu einer ziemlich großen Facebookgruppe, die sicherlich einiges an Arbeit mit sich bringt. Kannst du uns als erstes etwas über euer Team erzählen? Wie organisiert ihr so eine große Gruppe?

Hi, ja ich freu mich. Also ja, organisatorisch sind wir über ein kleines Kommunikationstool connected. Das fängt morgens an, dass wir uns begrüßen und dann geht das eigentlich den ganzen Tag. Zum eigentlichen Team, wie wir so verfahren: Für die Aktionen (a.d.R.: täglich werden mehrere Links geteilt, unter denen die Mitglieder kommentieren können) an sich gibt es die Watchdogs, das machen ein paar im Hintergrund, unter anderem ich. Das dazu übergeordnete Team ist das Chronik-Team, das auch mit den Aktionen in der Timeline erscheint, das sind zehn bis zwölf Leute, die sich allein darum kümmern, also nur die Aktionen und das Scannen. Dann gibt es das Team Gruppenmoderation, das Fragen beantwortet, die aufkommen. Eigentlich sollen Mitglieder das (a.d.R.: Fragen in der Gruppe) ja nicht, aber wenn es passiert, dann wird das moderiert. Mitgliederanfragen ist das Team, das sich um die „Tür“ kümmert. Dann die Guidelines, die alle unsere Dokumente erstellen. Dann gibt es das Team PR. Zwischen allen Teams gibt es natürlich Überschneidungen, also das sind nicht alles andere Leute, sondern manche sind in mehreren Teams. Das sind eigentlich die wichtigsten Teams. Und dann halt Hannes, der in allen Teams drin ist.

Team Hannes, quasi als Superforce. Der Hamburger Hannes Ley hat die Gruppe #ichbinhier im Dezember 2016 nach dem schwedischen Vorbild #jagärhär, das inzwischen über 70.000 Mitglieder hat, gegründet. Neben seinem Job als Strategieberater arbeitet er, laut einem FAZ-Interview, bis zu sechs Stunden täglich für die Counterspeech-Initiative – und das ehrenamtlich, wie alle Moderatoren und Helfer bei #ichbinhier.

Das klingt echt nach ziemlich viel Aufwand. Würdest du die Mission und Ziele von #ichbinhier für uns beschreiben?

Es geht natürlich vorrangig darum, gegen Hasskommentare anzugehen und sich zu wehren, aber so als große Mission kann man auch sagen, dass wir ein bisschen helfen wollen, die Demokratie zu schützen. Klingt jetzt sehr hochtrabend, aber irgendwie ist es ja auch so. Außerdem geht es zum Beispiel auch darum, Minderheiten zu schützen. Es geht darum, diese Fake-News-Sachen nicht einfach unkommentiert zu lassen. Das ist genauso eine Gefahr. Auch Rechtsstaatlichkeit, ich meine klar, einige Sachen kann man nicht nachvollziehen, aber im Prinzip sind wir ja schon ein Rechtsstaat, der funktioniert und das sollte man auch verteidigen.

Als Ziel würde ich sagen, diejenigen aktivieren, die nur denken: “das ist Scheiße, was hier steht, aber ich trau mich nicht, was zu schreiben.” Wenn die sehen, dass da Leute sind, die sich wehren, kann man die auch aktivieren mitzuschreiben und dagegen anzukämpfen. Das ist für mich das Hauptziel. Messbares Ziel wäre natürlich so etwas wie ‚Der Anteil der Hasskommentare geht zurück’, aber sowas ist schwer nachzuweisen. Da braucht man schon größere Unterstützung. Bei uns ist das eher gefühlsmäßig. Es soll mehr sachliche Auseinandersetzungen geben.

Das sind wirklich viele wichtige Aspekte. Zurück zu eurer täglichen Arbeit also, du hast eben das Team „Tür“ erwähnt, was hat es damit auf sich?

Also wir nennen das nur unter uns so. Wir prüfen alle Profile von Leuten, die Mitglieder werden wollen. Wichtig ist da eigentlich erstmal nur, dass das Profil so offen ist, dass man ein paar Sachen sieht. Es geht darum, dass man nicht Dinge liked, die rechts-, links- oder in einer anderen Form extremistisch sind. Auch Reichsbürger als Beispiel würden durch so ein Raster fallen. Fakeprofile werden nicht reingelassen. Das sind eigentlich die Hauptkriterien. Eigentlich kann jeder rein, der offen ist und keine Extremansichten zeigt.

Verständlich. Wenn man es dann schafft, Teil der Gruppe zu werden, was erwartet einen dann? Habt ihr eine Art Ablauf?

Also wir haben ja unsere Aktionen, aber regelmäßig sind vor allem das Lagerfeuer – da machen sich alle immer ein bisschen lustig über den Namen, aber wir hätten es auch Marktplatz nennen können. Im Prinzip ist es ein Platz, an dem man zusammenkommt. Dort kann man Posts teilen, bei denen kommentiert werden soll, oder wenn man konkret irgendwo Hilfe braucht. Dann gibt es jeden Tag noch einen Absackerpost, so zur Zusammenfassung. Da wird aber auch immer noch etwas themenspezifisches angesprochen. Zum Beispiel hatten wir gestern „Ehe für alle“ als Thema. Das kann aber jeder (a.d.R.: Moderator) selbst entscheiden, welches Thema er da wählt. Am Ende des Tages gibt es noch einen Post von Hannes, wo er nochmal beschreibt, was so passiert ist und Input gibt. Das ist nicht täglich, aber regelmäßig. Das sind so die drei Sachen, die regelmäßig passieren. Wir hatten jetzt aber auch schon ein oder sogar zwei Live-Videos auf der Seite.

Danke für die Zusammenfassung. Zu dir, wie geht es dir mit deiner Rolle als Moderator bei #ichbinhier? Bekommst du es da öfter mal mit so etwas wie ‚Shitstorms’ zu tun, weil du für die Gruppe auftrittst?

Nein, eigentlich genauso viel wie die anderen Mitglieder auch. Viele, die die Gruppe nicht kennen, wissen ja auch gar nicht, dass man Moderator ist.

Nimmst du selbst noch an euren Kommentieraufrufen teil?

Ja doch, auf jeden Fall. Wir können ja nicht einfach sagen, hier ist die Aktion, viel Spaß damit. Wir müssen schon auch zeigen, dass wir da mitmachen. Es ist wichtig, dass die Mitglieder sehen, die schicken uns nicht nur einfach blind los, sondern die haben da auch Bock drauf und machen da auch mit. Das machen auch alle der Moderatoren noch aktiv, denn da kommt es ja auch ursprünglich her. Wir haben uns alle zusammengefunden, weil wir irgendwann keinen Bock mehr hatten auf dieses ‘allein auf weiter Flur stehen’, sondern zusammen was erreichen wollen.

Alex erzählt, dass besonders Medien wie Fokus und N24 immer wieder das Ziel von #ichbinhier-Aktionen werden, weil dort völlig auf die Moderation der Kommentarspalte verzichtet werde. Die Gruppe sei sogar schon in Kontakt mit der Social-Media-Abteilung dieser Medien gewesen, aber bis jetzt bewege sich dort wenig. Problematisch sei dabei, dass #ichbinhier-Aufrufe noch mehr Klicks auf Artikel bringen, die sowieso schon polarisieren. Hasskommentare und Counterspeech haben also auch eine wirtschaftliche Bedeutung, von der durchaus profitiert werden kann.

Auch wenn das #ichbinhier-Hashtag in manchen Kommentarspalten sehr prominent ist, steht ihr ja auch für andere Arten gegen Hatespeech aufzutreten. Was funktioniert da am besten – kommentieren, liken oder melden von Kommentaren?

Also Melden würden wir nicht so reinnehmen. Wir sehen das nicht als Werkzeug an, obwohl uns das ständig auf Brot geschmiert wird, dass wir das machen würden. Wir empfehlen das bei Beleidigungen, Bedrohungen oder offensichtlicher Hassrede. Jedes Mitglied der Gruppe hält es da anders und handhabt das aus seiner Sichtweise. Ich zum Beispiel melde sehr selten. Generell ist das Melden für uns kein Werkzeug, um Counterspeech zu betreiben. Wir sind keine Melde-Gruppe. Unter den anderen ist das Machtvollere wahrscheinlich das Liken, weil schöne Kommentare so nach oben rutschen. Das Kommentieren, wenn es gut gemacht ist, ist aber natürlich auch sehr machtvoll. Das muss aber jeder für sich entscheiden. Wenn sich jemand nicht dem ganzen Scheiß aussetzen will, dann liked er halt nur. Das ist jedem selbst überlassen.

Wer sich für das Kommentieren entscheidet, der findet auf der #ichbinhier-Seite viele Tipps zum Agieren in Kommentarspalten. Wer erstellt eure Dokumente dazu und wie werden diese gegengeprüft?

Also wir haben im Moderatorenteam auch Juristen, die haben zum Beispiel das Dokument über Meinungsfreiheit und Volksverhetzung verfasst. Wir haben auch einige Spezialisten, die sich so um statistische Sachen kümmern, die sowas auch gut werten können. Zum Prüfen nutzen wir ein Mehr-Augen-Prinzip. Es wird rumgeschickt, Verbesserungsvorschläge werden gemacht, es wird abgenickt und dann veröffentlicht. Da sind aber nicht nur hochwissenschaftliche Dokumente dabei, teilweise sind das auch Menschen wie du und ich, die das auf ihrer Wissensbasis schreiben. Es soll auch nur eine Hilfe sein für Leute die kommentieren.

Ok, für Außen seid ihr also gewappnet. Wie sieht es im Inneren der Gruppe aus, habt ihr Probleme mit Leuten, die sich nicht an die Netiquette halten?

Ja, das passiert schon. Wir haben den Anspruch, dass das, was draußen eingehalten wird, auch innerhalb der Gruppe eingehalten wird. Es passiert, aber nicht so häufig, dass jemand gegen die Regeln verstößt. Falls es doch mal passiert, wird derjenige angeschrieben und fliegt dann aber auch irgendwann raus. Das ist aber relativ selten.

Die Frage, ob es eigentlich effektiver sei, wenn staatliche Initiativen sich gegen Hatespeech einsetzen oder die Menschen sich dafür selbst organisieren, findet Alex schwierig einzuschätzen.  Beim Staat komme das Thema Zensur schnell mal auf. Auch Entwicklungen wie das Facebookgesetz sieht er eher skeptisch. Wenn die Menschen sich für Meinungsfreiheit und Demokratie einsetzen würden, dann sei es aber schon effektiver, wenn es von den Menschen selbst kommt, darum heiße es ja Demokratie.

Ihr seid ja aus einer schwedischen Gruppe entstanden und auch nicht die einzige Initiative, die gegen Hatespeech kämpft. #wirdiskutierenhier ist eine weitere, schnell wachsende Seite auf Facebook, wie steht ihr solchen anderen Gruppen gegenüber?

#Wirdiskutierenhier ist aus #ichbinhier entstanden. Da haben sich Mitglieder gefunden, die die Diskutiererei, die echt zeitaufwändig ist, weil man sie immer moderieren muss und viel Input geben muss, übernommen haben. Dieser Aufwand konnte von #ichbinhier nicht mehr gestemmt werden und ist darum nach Außen verlagert worden. Jede Gruppe, die sich des Themas annimmt ist natürlich super, aber solche Diskussionsgruppen zu moderieren ist ein enormer Aufwand und weil wir das nicht mehr hinbekommen, sind wir froh, dass es sie gibt. Wir sind aber von denen unabhängig und die regeln das auch alles unter sich.  Wir sehen uns eben mehr als Aktions- denn als Diskussionsgruppe. Das Diskutieren nimmt eben viel Zeit und Energie in Anspruch, die man, unserer Ansicht nach, besser in Aktionen stecken könnte.

Das klingt insgesamt nach sehr viel Engagement überall.

Ja sehr. Aber natürlich nerven wir auch Leute. Wir merken, dass es immer wieder Leute gibt, die sich überrannt fühlen. Da gibt es dann Vorwürfe wie „schwarmartig“ und was auch immer. Mag teilweise stimmen, aber hässliche Sachen einfach stehen lassen ist eben auch kein Gegenargument.

Das stimmt natürlich. Zu meiner letzten Frage, die Gruppe gibt es jetzt ein gutes halbes Jahr, was habt ihr deiner Meinung nach erreicht in dieser Zeit?

Wir haben auf die Thematik aufmerksam gemacht. Wir haben einige aktiviert, zu schreiben und sich mit der Thematik auseinander zu setzen und da ist schon viel erreicht. Sich mit populistischen Ansätzen auseinander zu setzen. Ist das richtig, ist das falsch? Kann ja jeder für sich entscheiden, aber dass man sich damit auseinandersetzt und das Feld nicht einfach Leuten wie Trollen überlässt, die einfach nur Stunk machen, da haben wir was erreicht – auch wenn wir nerven.

No Hate Speech Movement – Die größte Bewegung gegen Hass im Netz

Kein anderes Medium bietet die Möglichkeit, Informationen und Meinungen so schnell zu Teilen wie das Internet. Dies hat ohne Zweifel allen Menschen der Welt geholfen. Leider funktioniert das Teilen von nicht überprüften Informationen genau so schnell. Durch einen Klick werden Inhalte, die Falschmeldungen enthalten, verbreitet. Auf Grund dessen ist es nicht nur die Aufgabe der Mediennutzer, eine kritische Meinung im Internet zu fördern, sondern auch die der Staatsbehörden. In dem heutigen Post geht es deswegen um die weltweit größte Bewegung gegen Hass im Internet.

„No Hate Speech Movement“ ist eine Bewegung der Kommission des Europarats für Menschenrechte, die gegen die Verbreitung von Fake News, Hass-Propaganda und allgemeinen Hass in sozialen Netzwerken und Onlineportalen kämpft. Hauptziel der Kampagne ist weder die Meinungsfreiheit zu begrenzen, noch Vorgaben für ein gutes Miteinander im Netz zu präsentieren. Viel mehr geht es darum, Menschen aus allen Altersgruppen und aus der ganzen Welt über alle Formen von Hate Speech und Cyber-Bullying aufzuklären. Die Initiative bezieht sich dabei auf die allgemeingültigen Menschenrechten und möchte dadurch Rassismus und Diskriminierung im Internet senken.

Da die Gründung der Bewegung dem Europarat unterliegt, wurde die Initiative erstmal innerhalb der EU verbreitet. Nationale Kampagnen, die von dem Europarat unterstützt und reguliert wurden, waren die ersten Schritte der Bewegung. Mittlerweile gibt es mehrere Partner-Kampagnen, die außerhalb Europas einen Sitz haben (z.B. “Sin Odio“ In Mexiko, “Non à la Haine“ in Quebec, Kanada und “حركة لا لخطاب الكراهية – المغرب“ in Marokko). Auf der Internetseite sind alle Links der Kampagnen zu finden, inklusive Facebook Seiten und Kontakt Daten.

no-hate-share

Neben der Website, auf der Mitglieder ihre Statements und Erfahrungen über Hass Kommentare posten können, gibt es noch weitere „Werkzeuge“ für die Aktivisten. „Hate Speech Watch“ ist eine Diskussionsplattform, wo Mitglieder Hate Speech Inhalte teilen können. Moderatoren leiten die Debatten und schlagen monatliche Themen vor, damit die Mitglieder tätig werden können.

Um Mitglied der größten Bewegung gegen Hass in den online Medien zu werden, können mehrere Wege einschlagen werden: Die Nutzung des Hashtags #NOHATECHAIN in Twitter oder Facebook ist ein Weg. Die Bewegung, welche ihren Sitz in Strasbourg hat, ist offen und sucht immer neue Online-Aktivisten oder Partner-Kampagnen. Außerdem können Mitglieder der Bewegung Empfehlungen für weitere Kampagnen machen.

Die Tatsache, dass ein mächtiges Organ wie der Europarat sich mit Online-Hass auseinandersetzt, verdeutlicht die Relevanz der Thematik. Falsche Informationen, Hass und Diskriminierung können durch diese Bewegungen bekämpft und abgeschafft werden. Dabei unterstützt der Staat die Online-Nutet sich aktiv gegen Hate Speech im Netz zu engagieren.

Offiziele Web-Seite : www.nohatespeechmovement.org

„Online ist vieles extremer“ – über die eigene Internetpräsenz und Aktivismus gegen den Hass

Hatespeech, Counterspeech, gefährliche Rede … das Internet bietet viel Platz, auch für Negatives und Menschen, die ihre ungeschönte Meinung verbreiten wollen. Ihnen gegenüber stehen mittlerweile allerdings viele Aktivisten, die sich online und offline für eine bessere Diskussionskultur stark machen. Eine von ihnen ist Nhi Le, Leipziger Speakerin und Slampoetin. Seit 2013 setzt sie sich auf ihrem Blog nhi-le.de mit politischen aber auch persönlichen Themen wie Feminismus und Hassrede auseinander. In unserem Interview beschreibt sie, was es bedeutet, selbst von Hatespeech betroffen zu sein, wie man sich dagegen wehren kann und was Wissenschaft und Unternehmen beitragen können.  

Hallo Nhi, schön, dass wir einen Interviewtermin finden konnten. Stell dich doch bitte selbst noch einmal kurz vor.

Hi, na klar, ich bin Nhi. Ich bin Bloggerin, Speakerin und Slam-Poetin und ich habe Kommunikations- und Medienwissenschaft im Bachelor an der Universität Leipzig studiert.

 Das Thema Diskussionskultur und seine verschiedenen Ausprägungen beschäftigt dich privat auf deinem Blog und mittlerweile auch beruflich. Wie bist du zum ersten Mal damit in Berührung gekommen?

Ich habe mit dem Bloggen 2013 angefangen und habe nie daran gedacht, dass wenn ich einen Text veröffentliche, dieser Leuten aufstoßen könnte, weil er eben den Finger in die Wunde legt. Wenn ich über etwas diskutieren möchte, es anprangern oder kritisieren möchte, dass da auch Leute kommen, die kommentieren. Das hatte ich vor 4 Jahren weniger im Kopf und da war es, meiner Meinung nach, auch noch weniger im öffentlichen Bewusstsein präsent als jetzt. Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich 2014 das erste Mal einen Text veröffentlicht habe, der etwas politischer war und zwar ging es darum, dass ich als nicht-weiße Person immer davon genervt war, gefragt zu werden „Wo man denn ‚wirklich’ herkommt – so wirklich, wirklich“. Der war etwas bissiger geschrieben und auf einmal ging es da los mit den Kommentaren und das war für mich etwas völlig Neues.

 Kannst du beschreiben, wie sich diese neue Erfahrung für dich entwickelt hat und mit welcher Art von Kommentaren du konfrontiert wirst?

Ich habe auf meinem Blog Artikel zum Thema Feminismus und Antirassismus veröffentlicht und wenn man in einem politischen Bereich seine Meinung äußert, kommt es dazu, dass viel und kontrovers diskutiert wird. Da kommen viele positive Stimmen, die zustimmend sind – weshalb ich das auch mache, damit man sich austauschen und bestärken kann. Es kommen auch Leute, die diskutieren wollen, die es anders sehen und sich austauschen wollen, das sind allerdings Wenige.

Vor allem kommen schnell Trolle, gerade zum Thema Feminismus, denen es dann darum geht, zu verwirren und zu provozieren. Dadurch, dass sich meine Arbeitsschwerpunkte aufgeteilt haben und ich mittlerweile angefangen habe, Vorträge zu halten, die man abrufen kann oder mal Teil einer Kampagne war, die auf Youtube zu sehen war, kamen dann immer mehr Leute. Auf Twitter ist es viel, auf meinem Blog weniger, aber gerade auf Youtube und in Facebook-Kommentarspalten artet das ziemlich schnell aus, dass das keine Diskussion mehr ist, sondern nur Provokation.

Provokation ist ein gutes Stichwort, was unterscheidet für dich Online- von Offline- Diskussionen?

Ich finde, wenn man im Alltag mit Leuten diskutiert, die nicht deiner Meinung sind, dann kann man das ja recht schnell durch Körpersprache und Mimik oder Gestik feststellen, ob da jemand eine völlig andere Meinung hat, von der er nicht abrücken möchte oder ob ein Austausch stattfinden kann. Online ist es schwieriger, bei manchen Leuten weiß man nicht, ist das jetzt einfach nur komisch formuliert oder will der wirklich trollen. Ich würde sagen, online ist vieles extremer, man darf aber nicht davon ausgehen, dass dieser Hass nur online ist. Beleidigungen und sexistische oder rassistische Kommentare kenne ich aus meinem wahren Leben, dafür musste ich nicht erst einen Blog starten.

nhi2

In den letzten Jahren hast du einiges an Expertenwissen angehäuft. Welche Begriffe sind deiner Meinung nach besonders wichtig zu definieren, wenn wir über Diskussionskultur sprechen?

Mir ist aufgefallen, dass alles was mit Diskussion und Internet zu tun hat, wirklich schnell in einen Topf geworfen wird – man spricht in einem Atemzug von Bots, von Fakenews, von Hatespeech und man sollte eben unterscheiden, was das alles ist und wie es miteinander zu tun hat. Gerade, wenn es um Kommentare geht, muss man eine große Unterscheidung machen zwischen Trollen und Hatern oder gefährliche Rede – wenn man die Begriffe falsch anwendet, dann kann es eben auch verharmlosen. Wenn ich sage „da hat jemand getrollt“, obwohl es Hassrede war, dann verharmlose ich. Da sollte mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Wir haben jetzt schon mehrfach das Wort Hatespeech erwähnt.  Würdest du bitte erklären, was das bedeutet und welche Formen es annehmen kann?

Hatespeech ist beleidigende und diskriminierende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Man darf bei Hatespeech aber nicht denken, dass das Leute sind, die vor dem PC sitzen und das einfach machen. Ich habe das Gefühl, in der öffentlichen Wahrnehmung wird gesagt: „Naja, das kam auf einmal, auf einmal war da ganz viel Hass in den Kommentarspalten“. Aber das ist nicht so, wenn man sich anguckt, wo Hatespeech stattfindet. Dann merkt man oft, dass das eine politisch Färbung hat, denn Hatespeech ist ein rechtspopulistisches Instrument und dem muss man sich bewusst werden. Nicht jeder Artikel bekommt gleich viel Hatespeech ab. Nach meinen persönlichen Erfahrungen passiert das besonders häufig, wenn es um Feminismus und Rassismus geht und alle politischen Aktivitäten, die Rechtspopulisten eher ein Dorn im Auge sind. Das ist der Ansatz für Hatespeech. Meiner Meinung nach ist es auch oft so, dass Leute nicht nur Langweile haben, sondern eine politische Motivation.

 Gegen das Phänomen Hassrede soll man mit sogenanntem „Counterspeech“ als Gegenrede vorgehen. Wie sieht gute Counterspeech für dich aus?

Es gibt ja verschiedene Art und Weisen, wie man im Internet agieren sollte. Viele lesen mit und machen nichts. Dabei ist es schon gut, wenn man einen beleidigenden Kommentar sieht, den zu melden, damit der gelöscht wird. Bei Counterspeech kann man dem Ganzen mit Fakten oder mit Ironie begegnen, denn oftmals wird ja gar keine Diskussion verlangt, sondern es geht einfach nur darum zu provozieren. Wichtig ist, nicht selbst beleidigend zu werden und vor allem keine Beleidigungen aus dem Kommentar zu wiederholen.

Schaut man auf deinen Blog, ist dort vor kurzem im Zusammenhang mit einem Leserbrief das Wort „othering“ aufgetaucht. Bisher ist das in unseren Recherchen nicht aufgetaucht. Würdest du uns da aufklären?

Othering ist, wenn eine Person aufgrund bestimmter Merkmale anders gemacht wird, gerade wenn es um Alltagsrassismus geht. Ich würde eher schreiben „die Person hat othering betrieben“, als „die Person ist ein Rassist“, weil man auch aufpassen muss, dass man diese Worte nicht inflationär benutzt, weil das am Ende gar keine Bedeutung mehr hat. Ich würde sagen, dass othering vor allem dann stattfindet, wenn man selbst nicht weiß ist und sich die eigene Person darüber definiert, was eigentlich ‚Deutsch sein’ bedeutet und wer demnach ‚nicht deutsch sein kann’ – es ist also in vielen alltagsrassistischen Themen drin. Für mich ist es konotiert mit anders-gemacht-werden in Sachen Hautfarbe oder Herkunft.

Man muss also wirklich gut differenzieren können zwischen verschiedenen Begriffen. Festgelegt werden die ja meistens durch die Wissenschaft. Inwieweit beschäftigt sich die Forschung deiner Ansicht nach bereits mit dem Thema und wo fehlt es noch an Erkenntnissen?

Also ich glaube, dass durch Kampagnen und weil es eben für jeden User online präsent ist, das Thema mehr in die Öffentlichkeit gerückt wurde. Über den wissenschaftlichen Stand weiß ich nicht genau Bescheid. Fakt ist aber, dass NGOs das aufgreifen und dafür wissenschaftliche Methoden nutzen, sprich die qualitative Inhaltsanalyse oder die Diskursanalyse, so dass wissenschaftliche Methoden in einem praktischen Feld angewandt werden. Ich finde, wenn es mehr wissenschaftliche Studien über das Thema gäbe, dann könnte man auch mit Zahlen zeigen, wie weit die Tragweite ist. Es müsste untersucht werden, wie viele Hasskommentare täglich geschrieben werden, wie viele Hasskommentare auf verschiedenen Seiten kommen, wer wird angegriffen und was der Gegenstand der Kommentare ist. Wenn es solche großflächigen Untersuchungen gäbe, dann könnte man noch ein Stück mehr sensibilisieren für das Thema.

Sowohl in deiner Bachelorarbeit als auch deiner weiteren Arbeit spielt für dich das Thema Frauen und Feminismus immer wieder eine Rolle. Welche Besonderheiten nimmst du in diesem Bereich in Bezug auf Online-Diskussionskultur wahr?

Hassrede kann immer auch geschlechtsspezifisch stattfinden. Es gibt viele Punkte, wo Frauen angegriffen werden. Dann kommt es teilweise ziemlich krass zu körperlicher Gewaltandrohung, sexueller Gewalt bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen. Das erleben Frauen viel krasser als Männer. Man merkt das im Alltag, wo das Aussehen von Frauen mehr von Männern verhandelt wird als von Frauen selbst. Deswegen würde ich sagen, dass Frauen Hassrede anders erleben. Und das gilt für jede Intersektion. Ich merke das bei mir, ich bin eine Frau, da kommen sexistische Kommentare. Ich bin nicht weiß, dann kommen noch rassistische Kommentare hinzu. Ein Kollege von mir ist schwarz und homosexuell, da wird dann eben die Sexualität und die Hautfarbe angegriffen. Und je mehr Angriffsfläche es gibt, desto mehr Diskriminierungsformen kommen zusammen.

Kann die Wissenschaft zur Lösung solcher Probleme beitragen oder hilft da nur mit solchen Kommentaren im echten Leben umzugehen?  

Naja in dem Moment, wo eine Person beleidigt wird, hilft es auch nicht, mit einer Studie zu kommen. Aber der wissenschaftliche Hintergrund darf auf keinen Fall vernachlässigt werden, weil einerseits ist es interessant, was die Psychologie hinter dem Hass ist, aber auch andere wissenschaftliche Standpunkte sind wichtig, um zu sehen, wer macht das eigentlich, wer wird angegriffen, wo wird kommentiert.  Das wäre wichtig zu wissen, egal, ob das ein wissenschaftliches Team an der Uni macht oder eine NGO. Solche Fakten und Zahlen helfen Leute zu sensibilisieren, beispielsweise was psychologische Auswirkungen auf Betroffene sind, wenn man täglich Hass bekommt.

Was hältst du dann von Kampagnen wie #sagsmirinsgesicht und #ichbinhier?

Den Ansatz an sich, Kampagnen zu schalten, finde ich gut. Wie es aber bei #sagsmirinsgesicht gehandhabt wurde, war für mich fragwürdig. Ich verstehe den Ansatz, aber wenn Kritik kommt oder ein Troll, dann ist das was anderes als wenn ein Hater anruft. Da wurde eben auch wieder vermengt und das verharmlost auch wieder die ganze Tragweite. Außerdem wird den Kommentatoren viel Raum gegeben, aber es wird wieder wenig über die Betroffenen gesprochen. Man vergisst da oft völlig, dass das ein Mensch ist, der das abbekommt und davon sowohl physische als auch psychische Beeinträchtigungen davontragen kann. Ich verstehe nicht warum man die Leute, die den Schaden anrichten, in den Mittelpunkt stellen muss, anstatt dass man mit denen, die davon betroffen sind, spricht.

#ichbinhier halte ich dagegen für ein Best-Practise-Beispiel, gerade weil in den Kommentarspalten auch nur drübergelesen wird und manche damit nicht einverstanden sind, aber dann doch nicht kommentieren. Eine Gruppe wie #ichbinhier ist da super. Man darf allerdings nicht den Fehler machen, dass man sagt, man verlässt sich jetzt dadrauf, dass es da Einzelpersonen gibt, die Counterspeech betreiben. Die Verantwortung liegt da auch bei den Social-Media-Teams. Es muss Community-Management betrieben werden. Die großen Plattformen wie Facebook, Youtube und Twitter müssen sich da mehr drum kümmern. Da muss personell aufgestockt und sich nicht auf Privatpersonen verlassen werden.

nhi3

Was bedeutet Internet-Aktivismus für dich selbst? Wie hat sich dein Leben und Handeln geändert, seit du öfter in der Öffentlichkeit stehst?

Ich bin ja nicht nur im Netz tätig, sondern auch als Speakerin oder Slammerin im echten Leben, da habe ich einen ganz guten Vergleich. Je länger ich in der Onlinewelt bin, desto mehr merke ich, dass da auch Gegenwind kommen kann. Da gibt es auch Phasen, wo ich dachte „mmh, wenn ich das jetzt veröffentliche, welche Reaktionen können dann wieder kommen?“. Ich habe aber gemerkt, dass ich mein Handeln nicht von dieser Angst leiten lassen möchte oder dass sie meine ganze Arbeit dominiert. Dadurch, dass ich im Netz poste oder meine Arbeit abgebildet wird, auch Inhalte die ich selbst nicht produziert habe, hat das Ganze auch Einfluss auf meinen Alltag. Manchmal auch mehr als ich es gern hätte. Einerseits ist das persönlich gewählt, wo ich mir Gedanken mache, was ich gerade veröffentlichen möchte und das finde ich ok, ich habe die Kontrolle darüber. Ich habe aber manchmal nicht die Kontrolle darüber, was es mit mir macht, wenn ich wieder einen Schwall von Hasskommentaren bekomme oder wenn jemand meint, eine Troll-Offensive zu starten. Ich glaube, das wird häufig vernachlässigt, dass es etwas mit den Leuten macht, die solche Dinge dann abbekommen. Als es auf Twitter solche Hasswellen gab, wollte ich mein Handy auch einfach mal ausschalten, weil diese Beleidigungen gehen eben gegen dich als Person und das trifft dich auch in deinem Alltag.

Wann kamen solche Troll-Offensiven beziehungsweise in welcher Form erlebst du selbst Hass?  

Trollmails kamen eigentlich schon immer relativ viele. Aber so richtig viel Hass kam mal, als ich viele Tweets auf Twitter geschrieben habe zum Thema Rapeculture und was das eigentlich bedeutet. Auf einmal kamen richtig krasse Sachen wie Vergewaltigungswünsche oder Androhungen körperlicher Gewalt und das hat mich halt fertig gemacht über Tage hinweg. Ich habe überlegt, wie Leute den Elan haben, mir über längere Zeit hinweg sowas zu schreiben. Das war eine Phase, wo ich nicht besonders viel online sein wollte. Ich lese häufig auch keine Kommentare beziehungsweise tue mir das einfach nicht selbst an, sondern lasse Freunde lesen und berichten. Die melden dann auch Dinge. Sie erzählen aber auch von guten Kommentaren, denn die verpasst man so ja auch. Ein neuer Höhepunkt war, dass jemand sich die Mühe gemacht hat, ein Video von mir zu parodieren. Das ist neu für mich. Man ist halt aktiv, aber gesagt zu bekommen, dass man es hätte wissen müssen und es hätte sein lassen sollen, da gibt man wieder dem Opfer die Schuld. Das greift halt nicht das Problem an, zu sagen „Mach doch solche Inhalte nicht“. Man sollte daran arbeiten, zu sagen, warum reagieren Leute so, was steckt dahinter, woher kommt die Motivation, sich die Zeit für so ein langes Video zu nehmen?

nhi4

Sicherlich ein wichtiger Ansatz. Darüber hinaus, wie würde für dich die ideale Onlinediskussionswelt aussehen?

Ich würde mir natürlich wünschen, dass man respektvoller miteinander umgeht und dass Leute, die Content kreieren, nicht so eine Angst vor einem Backlash haben müssen. Allerdings sind wir davon weit weg und wir werden auch nicht rassismus- oder sexismusbefreit im Internet sein, weil dafür müsste das erstmal auch in der Realität so sein. Das Wichtige ist, dass Leute merken, Hatespeech hat einen politischen Hintergrund. Wenn das angekommen ist, dass das eine ideologische Färbung hat, kann man dem auch besser entgegenwirken und es besser einordnen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass nicht vergessen wird, dass dahinter Menschen sind, für die das Auswirkungen im Leben haben kann und dass mit ihnen anders umgegangen wird. Sprich, nicht zu sagen: „Oh, dann mach doch nichts mehr“, sondern eher zu sagen, da muss sich irgendwas ändern, statt den Leuten, die davon betroffen sind, die Schuld zu geben.

Vielen Dank Nhi für dieses Interview und die Einblicke in deine Erfahrungen und Arbeit.