Das Projekt Netiquette 2.0 neigt sich dem Ende entgegen und damit auch unsere wöchentlichen Posts. In den letzten acht Wochen haben wir als Team viel über digitale Diskussionskultur sowohl in Kommentarspalten, als auch untereinander gelernt. Wir haben euch Lesern einige Initiativen vorgestellt und uns selbst in Experimente geworfen, um zu sehen, was eigentlich so passiert in der Welt von Hatern, solchen, die eigentlich nur ihre Meinung kund tun wollen und den diversen Netiquetten. Außerdem gab es zwei spannende lange Interviews mit Nhi Le und Alex Urban, die aus erster Hand über ihre Online Erfahrungen mit Hate- und Counterspeech berichtet haben. Da wir euch nun vorerst nicht weiter mit Inhalten versorgen, die Mission aber natürlich noch nicht annähernd abgeschlossen ist, soll dieser Post der Inspiration zum Weitermachen dienen. Hier also 10 Tipps und Anregungen für alle, die Lust haben, sich mehr mit dem Thema digitale Diskussionskultur auseinander und sich für einen besseren Umgang miteinander einsetzen möchten.

1. Werde Mitglied bei #ichbinhier oder #wirdiskutierenhier

Knapp drei Monate bin ich nun in beiden Gruppen und ja, beide wachsen nicht nur sehr schnell, da geht auch einiges ab. Tatsächlich wird man allein als Mitglied der Gruppe viel aufmerksamer für die vielen täglichen Brandherde in diversen Kommentarspalten. Während #ibh ­­– wie auch bereits von Alex im Interview erklärt, eher eine Aktionsgruppe ist, hat sich #wirsindhier den Diskussionen innerhalb der Gruppe verschrieben. Dort wird erörtert, wie man mit bestimmten Sachverhalten besser umgeht und bekommt Unterstützung wenn es bei einem Thema einmal an Argumentationsgrundlagen fehlt. Der Eintritt in beide Gruppe ist simpel und schnell gemacht. Empfehlenswert ist auch die gesonderte #ichbinhier Infoseite (auf der unser Interview übrigens auch zu finden ist, yeay!), die viel Input zum Thema gibt.

nichtegal

(c) creatorsofchange.com Website

2. #creatorsforchange, #nichtegal und andere Hashtags unterstützen 

Ohne Hashtag geht ja heute eigentlich gar keine eigene Kampagne mehr. Auch im Bereich Gegen-Hatespeech gibt es diverse Hashtags, die unterstützendswert sind. Natürlich sind auch die großen Player vertreten, wenn es um die Bekämpfung von feindseeligen Kommentaren geht. Youtube startete dazu die internationale Kampagne #creatorsforchange. Unter dem Motto ‚Nutze deine Stimme, um Veränderung zu bewirken’, setzen sich bekannte Youtuber für soziale Themen ein. Für Deutschland ist Nilam Farooq Botschafterin. Eigentlich als Lifestyle-Vloggerin gestartet, betreut sie mittlerweile auch den Kanal ellevant, der Menschen und Problemstellungen aus aller Welt vorstellt und erklärt. Youtube Deutschland arbeitete zusammen mit Bundefamilienministerium im vergangenen Jahr noch an einer weiteren Aktion. Mit #nichtegal setzten sich 22 bekannte Youtuber auf ihren Kanälen gegen Hassrede und Verhalten, das sie nicht tolerieren wollen, ein. Insgesamt konnten sie damit 10 Millionen vorrangig jungen Abonnenten erreichen. Auch wenn es sich hier quasi um „Hilfe-vor-Ort“ handelt, ist die Kampagne nicht ganz ohne faden Beigeschmack abgelaufen. Ob Youtuber, die selbst angeblich nur aufs Geld aus sind und auch schonmal in ihren eigenen Kommentarspalten gegen andere User ausrasten wirklich als Botschafter geeigent sind, wird dort gefragt.

3. Wissen ist Macht – Lektüre 

Wer nicht der Fan von großen Unternehmen wie Youtube ist, oder wer einfach lieber liest, dem sei eine virtuelle Reise nach Österreich zu empfehlen. Tatsächlich tut sich einiges zum Thema Hatespeech bei unseren Nachbarn. Ingrid Brodnig zum Beispiel wurde 2017 wurde sie von der Europäischen Kommission zum ‚Digital Champion‘ ernannt, nachdem sie ein Jahr früher das Buch ‚Hass im Netz’ veröffentlicht hat. Die Publizistin gibt darin praktische Anleitungen zum Umgang mit digitalen Phänomen wie Fake-News, Hatespeech und Shitstorms. Wem unsere Interviews gefallen haben, dem sei auch folgendes Interview der Zeit mit Frau Brodnig empfohlen, in dem es besonders um Betroffene von Hatespeech geht und wie man ihnen hilft. Nebenbei kommen auch die südlichen Nachbarn nicht ohne Hashtag aus: Mit #aufstehn setzen sich die Österreicher gegen Hatespeech im Netz ein.

aamadeu

(c) Website Amadeu-Antonio-Stiftung.de

4. Noch mehr Lesestoff

Wer sich mit Diskussionskultur beschäftigt, stößt recht schnell auf sie, die Amadeu-Antonio-Stiftung. Seit 2009 setzt sich die Stiftung gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus ein. Der Fokus liegt dabei besonders auf Projekten mit Kindern und Jugendlichen in  ganz Deutschland, um nachhaltig gegen die oben genannten Themen vorzugehen. Die NGO ist seit Oktober 2015 außerdem Teil der ‚Task Force gegen Hassinhalte im Internet’ des Bundesjustizministeriums. Hilfreich sind vor allem diverse offen zugängliche Publikationen auf der Website der Organisation. Die ganze Liste findet hier. Zum Einstieg ist besonders die Broschüre ‚Geh Sterben’ empfehlenswert, da hier eingangs noch einmal Begriffe rund um Hassrede und deren Auswirkungen geklärt werden. Weiterhin betreut die Stiftung die Website belltower, auf der ein Lexikon mit vielen aktuellen Inhalten zum Thema zu finden ist. Hier empfehlenswert: Die Einträge zu Counterspeech.

5. Hauptberuflich Anti-Hass Botschafter werden

Wer sämtliche Hashtags bereits kennt und sich schon durch alle Infoseiten und Broschüren gelesen hat, der kann seine Überzegung jetzt auch zum Beruf machen. Bis Ende August ist die Stelleanzeige der Amadeu-Antonio-Stiftung für einen Bildungsreferent/in für das Projekt „Digitalkompetenz stärken – Aktiv gegen Hass im Netz“ noch aktuell. Benötigt wird ein  Hochschulabschluss und Erfahrung im Umgang mit dem Thema.

6. Listen up! 

Gucken und Lesen hatten wir schon. Wer seine tägliche Dosis Informationen lieber im Auto, beim Abwasch oder vor dem Schlafen gehen empfängt, kann den De:hate-Podcast abonnieren. In der ersten Staffel des Podcasts geht es vor allem um Rechtsextremismus und rechte Ideologien. Dazu interviewen die Hosts Matthias Goedeking und Viola Schmidt interviewen Experten und kürzen Themen wie ‚die neuen Rechten’ auf 20-minütige Episoden herunter. Der Podcast ist ebenfalls ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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(c) Facebook-Veranstaltung zum Aufstehen gegen Rassismus Festival

7. Abgehen zu Anti-Hate 

Schon zum zweiten Mal findet das Aufstehen gegen Rassismus Festival gegen Rassismus und Hetze in Uelzen statt. Am 25. August treten mehrere Musiker, unter anderem Rapperin Sookee, die sich in ihren Texten häufig sozialkritisch äußert, in der niedersächsischen Stadt auf. Besonders gegen die Alternative für Deutschland, die in Niedersachsens Kleinstädten leider einiges an Zuspruch findet, wird damit protestiert. Das Festival ist ein Teil der bundesweiten Initiative ‚Aufstehen gegen Hass’. Der Eintritt zum Festival ist kostenlos.

8. Wie weit ist zu weit – die juristische Seite 

Das Grimme Institut war erst vor kurzem Gespräch als es #ichbinhier den renommierten Grimme Online Award verlieh. Das Institut hat eine lange Geschichte und setzt sich seit den 60iger Jahren bereits für Bildung in der Medienkultur ein. Regelmäßig gibt es verschiedene Publikationen zu diesem Bereich heraus. Die vor kurzem erschienene Ausgabe der ‚digitale Gesellschaft NRW’ widmet sich allen Facetten von Hatespeech in verschiedenen Themenblöcken. Ein Bereich, den wir mit unserem Projekt nicht abgedeckt haben, wird hier setzt umfangreich bearbeitet: die juristische Seite. Ab Seite 35 finden sich Informationen zu rechtlichen Grundlagen und den Bezügen in Straf- und Zivilrecht dazu. Der Artikel ist wissenschaftlich aufgebaut, aber trotzdem sehr lesenswert und kurzweilig.

9. Lach doch mal

Auf eine ganz neue Art und Weis, nämlich mit Humor, begegnen Datteltäter, ein Youtube Kollektiv, dem Thema Hatespeech gegen den Islam.  Auch sie wurden beim letzten Grimme Online Award ausgezeichnet. Mit Videos wie ‚Wenn Google ein Imam wäre’ oder ‚6 Arten von muslimischen Frauen’ leisten sie nicht nur ihren Beitrag zum Abbau von Stereotypen und Missverständnissen, sondern sind dabei auch noch sehr unterhaltsam.

10. Diskussionskultur ist das halbe Leben – aber nicht das Ganze. 

Zu guter Letzt geht es noch einmal ganz an den Anfang zurück. Die vielen aktiven Mitglieder von #ichbinhier und #wirdisktierenhier verausgaben sich teilweise täglich beim Kommentieren und in Diskussionen. Um sich davon zu erholen, gibt es die Seite ‚Happy Place für ichbinhier’. Auch wenn es teilweise schon etwas kitschig wird, muntern die täglichen Fotos von Hunden, Katzen und allerhand anderer niedlicher Haustiere doch auf. Die Seite setzt ein weiteres wichtiges Zeichen für alle, die sich online engagieren möchten: Pausen müssen sein und Abschalten ist wichtig. Wer sich regelmäßig mit der überbordenden Negativität des Themas auseinandersetzt, muss sich trotzdem davon distanzieren können, um nicht selbst in einer Filterblase ‚des Schlechten’ zu enden.

Wir bedanken uns bei allen, die sich die Zeit genommen haben, unsere Artikel zu lesen. Es gibt noch viel zu tun, aber es bewegt sich bereits einiges!  

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