Der Begriff der „Filterblase“ hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Nutzer nur noch mit Nachrichten versorgt werden, die ihren eigenen Präferenzen entsprechen. Verstärkt wird dieser Effekt durch Algorithmen, mit denen Suchmaschinen und Social Media Kanäle wie Facebook ihre Ergebnisse personalisieren.
In unserem heutigen Beitrag haben wir uns die Frage gestellt, ob auch die Kommentare von Beiträgen unterschiedlicher Zeitungen ihren politischen Richtlinien unterliegen und ob dies offensichtlich durch Dritte beeinflusst wird. Den Versuch, diese Frage zu beantworten, könnt ihr in unserem neuen Experiment nachverfolgen.

Im Zuge der Recherche für unseren Beitrag haben wir uns durch die verschiedenen Netiquetten unterschiedlicher Online-Plattformen geklickt. Unter dem Artikel „In eigener Sache – Netiquette“, in dem die LVZ am 10.März 2016 ihre Verhaltensregeln für ein respektvolles Diskussionsklima dargelegt hat, sind wir auf folgende Kommentare gestoßen.

Netiquette_LVZ DiskussionQuelle: https://www.facebook.com/notes/lvz-leipziger-volkszeitung/in-eigener-sache-netiquette/1142636155769517/

Die Netiquette der LVZ ähnelt in ihrem Aufbau und Inhalten vielen anderen Netiquetten diverser Online-Plattformen. So fordert sie, unter anderem, einen „freundlichen, fairen und sachlichen Umgangston“ und verweist darauf, dass „rassistische, beleidigende, gewaltverherrlichende und oder menschenverachtende Beiträge ohne weiteren Hinweis [von uns] entfernt werden.“
Die Veröffentlichung dieser Verhaltensregeln nahmen jedoch einige User zum Anlass, ihrem Ärger Luft zu machen. „Alles was gegen Links ist wird entfernt“, heißt es hier. Diese Anschuldigung hat uns aufhorchen lassen und gab uns den Impuls für ein neues Experiment.

Ausgangspunkt des Experiments war dementsprechend die Frage, wie sich die Kommentare und Diskussionen auf den Online-Plattformen politisch unterschiedlich ausgerichteter Zeitungen unterscheiden. Entspricht es tatsächlich der Realität, dass Kommentare, welche nicht der politischen Einordnung der Zeitung entsprechen, gelöscht werden? Löscht die LVZ also beispielsweise einen konservativen bis rechten Kommentar? Und wie verhält es sich eigentlich mit einem deutlich links ausgerichteten Kommentar auf der Online-Plattform eines Blattes wie der „Jungen Freiheit“?

Da die politische Einordnung einer Zeitung immer subjektiv und oft eine Momentaufnahme ist, haben wir uns als Anhaltspunkt dessen für die folgende Grafik entschieden.

parteien
Quelle: digitalpresent.tagesspiegel.de

An dieser Stelle sollte man hinzufügen, dass das vermehrte Twittern eines bestimmten Blattes noch lange kein Beleg für die entsprechende politische Ausrichtung ist. Jedoch liefert es einen Hinweis darüber, inwiefern Parteien sich mit den jeweiligen Zeitungen beschäftigen.
Infolgedessen haben wir sechs deutsche Medien ausgewählt, von denen zwei laut Recherche links-, zwei mittig- und zwei eher rechts ausgerichtet sind. Anschließend haben wir uns auf die Suche nach einer aktuellen Thematik begeben, mit der sich zum einen alle sechs Blätter beschäftigt haben und die zum anderen eine sowohl konservative als auch liberal-orientierte Meinung zulässt. Die Suche gestaltete sich als relativ einfach, denn die vergangene Woche dominierte ein Thema die Medien, welches ohnehin eine Diskussion zwischen den Konservativen und Liberalen wieder eröffnete und sich somit als prädestiniert für unser Experiment erwies.

Kurz zur Vorgeschichte: Nach jahrelangen Diskussionen stimmte der Bundestag am Freitag mit einer eindeutigen Mehrheit für die Ehe für alle. Zuvor war Bundeskanzlerin Angela Merkel vom klaren Nein der CDU abgerückt und hat den Fraktionszwang für die Abstimmung im Plenum aufgehoben. Die Entscheidung ermöglicht es homosexuellen Paaren von nun an gemeinsam Kinder adoptieren zu dürfen. Die Konservativen sind erzürnt, die Liberalen feiern ihren Triumph.

Zum Experiment: Unser Vorhaben bestand darin, die von uns ausgewählten Medien nach geeigneten Beiträgen zum Thema „Ehe für alle“ zu durchsuchen, um uns in der Kommentarspalte in die entsprechenden Diskussionen einzuklinken. Hierzu verfassten wir zwei Kommentare, die sich hinsichtlich ihrer politischen Neigung deutlich voneinander abgrenzen lassen:

  • „Und wieder ein guter Schritt in eine moderne, liberale Richtung. Jeder soll so leben dürfen, wie er will. Die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren muss endlich ein Ende haben! #eherfüralle“

  • „Homosexuelle besudeln den heiligen Bund der Ehe… Das wider das Gesetz und entspricht nicht dem Verständnis einer Ehe im ursprünglichen Sinn. So kann und wird sich der Fortbestand Deutschlands nicht sichern.“

Mit unseren zwei Fake Accounts veröffentlichten wir auf jeder der sechs Plattformen beide Kommentare unter Beiträgen zum entsprechenden Thema, um zu beobachten, wie sich die Diskussionen bei politisch unterschiedlich ausgerichteten Blättern entwickeln und ob tatsächlich einige Kommentare gelöscht werden.

Zu den Ergebnissen: So simpel unser Experiment in der Theorie klingt, desto schwieriger gestaltete es sich in der Praxis. Die Suche nach entsprechenden Beiträgen und die Platzierung der Kommentare verlief zunächst problemlos, die Ergebnisse ließen jedoch auf sich warten bis uns anschließend folgende Meldung erreichte.

Netiquette_Identitätsbestätigung
Quelle: facebook.com

Hierbei handelt es sich um eine Reaktion auf die Veröffentlichung des Kommentars Nr.2, welches sich in die konservative bis rechte Ecke verorten lässt. Daraufhin erstellten wir erneut ein Fake Profil, füllten es mit Leben, passten den Kommentar individuell auf den jeweiligen Beitrag an und führten das Experiment erneut durch. Kurze Zeit später erhielten wir erneut von Facebook die Nachricht, unser Profil zu bestätigen.
Anders verhielt es sich mit den Reaktionen auf den liberalen, weltoffenen Kommentar Nr.1. Obwohl wir hier den exakt gleichen Kommentar auf allen sechs Plattformen posteten und sich unser Fake Profil, außer natürlich im Namen, Geschlecht und der Ausbildung, nicht großartig von dem anderen Profil unterscheidet, erhielten wir keine Aufforderung unsere Identität zu bestätigen. Unser Profil wurde dementsprechend nicht in Frage gestellt und der Kommentar erntete außerdem einige Likes.

19686386_10208774541435336_419445823_o
Quelle: https://www.facebook.com/berlinerzeitung/photos/pb.137267732953826.-2207520000.1498999737./1992638150750099/?type=3&theater

Was bedeutet das für unsere Analyse?
Bezogen auf die politische Ausrichtung der Zeitungen und die entsprechende Entwicklung der Diskussionen rund um unsere Kommentare, hat unser Experiment zunächst einmal ernüchternde Ergebnisse erzielt. Dennoch lassen sich einige Erkenntnisse festhalten, die wir im Folgenden kurz zusammenfassen möchten.

  • Facebook erkennt Fake Accounts und reagiert.
    „Verdächtig“ sind hier vor allem Kommentare, die eine „rechte Neigung“ haben (Unabhängig davon, unter welchem Artikel sie wo gepostet werden.)
  • Dementsprechend ist ein „funktionierender“ Fake Account relativ arbeitsaufwendig und setzt ein bestimmtes Wissen voraus.
  • Profile, die sich mittels ihrer Kommentare als weltoffen und liberal präsentieren, werden nicht weiter untersucht.
  • Dass Zeitungen Kommentare löschen, die nicht ihrer politischen Orientierung entsprechen, konnte folgendermaßen nicht bestätigt werden
Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s